Serbien.
 
Rauschende Regengüsse strömen über die Donau nieder, deren Wasserstand um 3 m über die normale Höhe gestiegen ist. /
Von Belgrad ist wenig zu sehen. Seine Trümmer und die Dinge, die von ihm noch ganz geblieben sind, stehen eingewickelt in die /
grauen Schleier des Regentages. Man nahm da eine noch immer lebendige Vergangenheit und eine noch unfertige Gegenwart, nahm eine /
Stadt und ein Dorf, nahm Paläste und dürftige Häuschen, architektonisches Protzentum und mauerkahle Armut, elektrisches Licht und unergründlichen /
Straßenschlamm, falschen Luxus und echten Dreck, und das alles würfelte man geschmacklos und ohne Sinn durcheinander. Das /
Resultat heißt Belgrad. Die Eine kommende Zeit wird dieser Stadt ein anderes Gesicht geben und einen anderen Inhalt.
 
Die schöne Donaulandschaft ist unsichtbar, hängt schemenhaft unter dicken Nebeln. Alle Ufer und Wälder sind überschwemmt, /
und die Donau ist wie ein stürmisches Meer, das keine Grenzen zu haben scheint. Wär’s Ende September so gekommen wie jetzt, dann wäre der /
Übergang unserer Truppen über die Donau eine Unmöglichkeit geworden.
 
Auch unter den Hüllen des Nebels, der das weite Wassergewoge überzogen hält, gewahrt man noch Bilder, die die man gerne /
sieht. So lebhaft wie jetzt, ist der Schiffsverkehr auf der Donau wohl noch nie gewesen. Ruhelos gleiten die Dampfer und Schleppkähne /
aneinander vorüber, bringen Getreide aus Bulgarien und führen Proviant und Munition zu unseren Truppen. Das kleine Semendria, dessen alte /
Zitadellentürme wie steinerne Märchen aufragen in das Nebelgrau, scheint ist verwandelt zu sein in einen von Leben und Arbeit /
quirlenden Welthandelsplatz. Das Ufer ist auf lange Strecken bedeckt mit hohen Mauern von Mehlsäcken, mit ganzen Burgen /
von Proviantfässern, mit Bergen von Munitionskisten, alles mit schwärzlichen Teertüchern überdeckt, sodass die Nahrung unserer Truppen und die /
das Futter unserer Geschütze aussieht wie eine Kette vulkanischer Bodenwellen. Die schmalen Gassen, die dazwischenliegen, sind überflutet /
von einem Straßenschlamm, vor dem man die Augen schließt, ehe man den Mut fasst, ihn zu durchwaten. Rasch verlernt man es, /
tastend Umwege zu machen. Grade durch! So geht‘s am besten. Nicht immer. Ich sehe einen Leiterwagen in ein vom Schlamm /
überdecktes Erdloch hinunterkollern; der Kutscher, der sich grau wie ein lebendig gewordenes Tonmodell aus dem Morast herausarbeitet,