Reise nach Norden
 
1.September
 
Frühmorgens 6 Uhr Abfahrt von Warschau, über Serozk, Pultusk, Rozan /
und Ostrolenka nach Lomza. Überall die Bilder deutscher Arbeit und deutschen Fleißes, /
Brückenbau, Verbesserung der Straßen, Bau von Feldbahn[en], Transport von Munition und Proviant, Bau von Mannschaftswerken /
und Lazaretten. In Pultusk das Choleraspital. Vor Wochen war es dicht besetzt, jetzt ist die Sache fast /
völlig erloschen. Bei Rozan und Ostrolenka steigert sich das deutsche Arbeitsgewimmel. /
Immer überkommt mich beim Betrachten solcher Bilder eine wundervolle Ruhe. Immer ist es wieder der gleiche /
Brunnen des Glaubens und der Zuversicht. Nur der Rahmen ist jetzt ein anderer, nicht mehr der französische Vorfrühling, /
den ich im Februar und März gesehen, nicht mehr der blühende Mai aus den Kampftagen am Duno/
jec, nicht mehr der glühende Sommer von Lemberg und Rozan. Aller Rahmen /
der Natur hat schon herbstlichen Charakter, das wogende Gold der Ähren ist verschwunden. Unsere Feldgrauen und /
die russischen Gefangenen sind schon mit dem Umpflügen der Felder beschäftigt, das eingeerntete Getreide /
ist zu großen Mieten aufgestellt, und es leuchten keine Blumen mehr. Nur die Dolden der Vogelbeeren /
hängen wie Scharlachtrauben reich und üppig in den welkenden Baumkronen der Straßenalleen. /
Große Scharen von Wandervögeln schweben von den kahl gewordenen Feldern auf und lassen sich wieder /
nieder oder fallen wie [ein Wort unleserlich] Wolken über die Bäume und Stauden her. Und nur selten ist / noch ein kein Storch ist mehr zu sehen. Ob Polen deshalb an Kindern ärmer werden wird. Es liegen Gründe vor, die mich das bezweifeln lassen. Unverändert in allem Wandel der Zeit bleiben nur das Elend und /
die Not der Obdachlosen. Es ist ein quälender Gedanke, drüber nachzusinnen, Ich sinne nicht gern drüber nach, /
wie sich diese Ärmsten sich vor dem nahenden Winter schützen werden. Viele sind schon zu den Schuttstätten ihrer Häuser /
zurückgekehrt und schleppen am Tage das Bauholz und die Steine zum neu herbei, um das verschwundene Dach /
zu ersetzen. Und wird es Abend, so sieht man in den Herdlöchern der kahl in die Dunkelheit ragenden /
Kaminschlote, die von den niedergebrannten Häusern übrig blieben, die kleinen Feuerchen glühen, an denen die Armen sich ihr Nachtmahl kochen.